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DRaukar, Fischerhütten, Fossilien und Schafe - Ein Reisebericht von Erich S.

20.08.2019

Oft beginnt ein Reiseplan mit einer simplen Inspiration. Bei unserer 92% igen Gotland-Umrundung waren es Bilder von Raukar-Steinen, die ein Vereinskamerad uns vor einigen Jahren zeigte. Die Insel liegt 90km östlich vor dem schwedischen Festland, ist 125km lang und bis zu 53km breit.Eine Umrundung incl. dem nördlich vorgelagertemFarö ergibt etwa 400km. Zwischen Tofta und Visby befindet sich ein militärisches Schießgebiet, das haben wir ausgelassen und dafür StoraKarlsö, 7km vor der Westküste besucht.Meine Frau hat direkt zugestimmt, als ich die Idee vorbrachte, denn die Ostsee ist kein Gezeitenrevier, man kann paddeln wie es gerade passt. Außerdem ist Gotland eine „Sonneninsel“ mit nur ca.500mm durchschnittlichem Jahresniederschlag. Der Temperaturmittelwert im August beträgt ca. 16°C (tatsächlich war´s etwas wärmer), alles moderat. Dennoch haben wir uns bei der Paddelbekleidung für Trockenanzug entschieden, da bei 18 angesetzten Tagen max. 2 „Ruhetage“ drin sind (wir hatten keinen, dafür 4 kurze Tage). Das waren hygienische Überlegungen, denn es gelingt auf See selten trocken einzusteigen und so lange im nassen zu sitzen indiziert u.a. Hautprobleme. Alternativ war eine Neopren-Shorty im Gepäck. Die andere Sache waren Trinkwasserversorgung und Lebensmittel. Man kann Lebensmittel für 3 Wochen im Kajak mitführen, doch das haben wir nicht getan. Lieber haben wir alle 3-4 Tage etwas nachgekauft, damit es Obst und Gemüse fast immer gab. Bei der Vorbereitung hatte ich entsprechende Internet-Recherchen, COOP und ICA machen´s möglich. Trinkwasser führten wir ca. 6l/ Person mit, ausreichend für 2 Tage. Bei 8 von 18 Übernachtungen auf „offiziellen“ Plätzen mit entsprechender Infrastruktur hat das funktioniert. Generell muß man sich darauf einstellen, daß die Hauptsaison mitte August vorbei ist und die Services incl. Öffnungszeiten der Lebensmittelmärkte reduziert werden. Unser Startpunkt ist der Campingplatz Snäck (5km nördlich Visby), wo wir unser Auto nach Absprache stehen lassen. Nachfolgend ein Reise-Erlebnis-Bericht.

Das vorsichtige Wegfahren vom Ufer wegen Flachwasserzonen mit verstreuten Findlingen wird uns die ganze Fahrt über begleiten. Der südwestliche Wind schiebt uns die Steilküste entlang voran bis Lickershamn. Dort kaufen wir uns geräucherte Makrele mit Brötchen und laufen zum Rauk „Jungfrun“. Danach nochmal eine Stunde Paddeln bis Ireviken, wo wir hinter der Ortslage am Rand des Naturreservates bei einem zur Sauna ausgebauten Bunker übernachten.

Der nächste Tag beginnt wie alle weiteren morgens zwischen 6 und 7 Uhr. Meine Frau hat gelesen, daß man in dem Gebiet gut Fossilien finden kann, also schauen wir uns an der Abbruchküste etwas um. Nach einigen Entdeckungen geht´s weiter nach Kappelshamn, wo uns der einfache Campingplatz aufnimmt. Abends Gewitter.

An der ehemaligen Kalkfabrik Bläse vorbei, steuern wir die Bucht bei Nors an und laufen zur Blauen Lagune. Sieht wie ein Baggersee aus aber schönes Wasser – leider haben wir die Badesachen im Boot gelassen, ein kurzes Süßwasserbad hätte gut getan. Den Farösundlassen wir südlich liegen, nächste Station ist die RaukomradeGamlahamn mit dem „Hund“, der nach hinten guckt. Immer wieder verfluche ich meinen „neuen“ Panasonic DC-FT7 Fotoapparat, dessen Automatik zu langsam reagiert und auf bewegtem Wasser vielfach unscharfe Bilder macht. Der FT3 konnte das besser. Landen schließlich am WoMo-Platz Lauterhorn. DigerhuvudsRaukomradeist die größte, vielleicht eindrucksvollste von Gotland/Farö. Einsetzende Dämmerung und Gewitterstimmung mit Schauerfahnen im Hintergrund, kürzen unsere Wanderung dorthin ab.

Bei der Weiterfahrt passieren wir die „Raukomrade“ seeseitig und bedauern nicht das letztemal unseren knappen Zeitrahmen. Auch an den schönen Rauken von Langhammaren fahren wir vorbei. Erst hinter Norsholmen, dem nördlichsten Punkt steigen wir im Lee, nahe des Wracks der „Fortuna“ aus. Das Wrack ist wie wir etwa 50 Jahre alt, nur das wir noch besser aussehen. Die „Insel“ ist dank der Landhebung seit einigen Jahren von Farö aus zu Fuß erreichbar, mit den gut erkennbaren Standwällen, Peilbake und Mini-Leuchtturm interessant, aber eigentlich ein großes Vogelschutzgebiet. Mitte August stören wir hier nur wenig. Der Schiebewind hilft uns zwar, doch es ist mit 30km heute die längste Etappe unserer Tour. Wir kürzen die Bucht von Ajkesvik ab. Kilometerlange Sandstrände mit Pinienwald dahinter, an denen gelegentlich Menschen zu sehen sind, begleiten uns bis zum östlichsten Punkt, dem 30m hohen Leuchtturm, seit 1977 automatisiert. Die generelle Kursänderung auf südwestbis süd wird uns für eine Woche Gegenwind einbringen, doch das wissen wir da noch nicht. Den gut frequentierten Campingplatz von Südersand erreichen wir direkt an der Strandbar. Nach Zelt aufstellen und Klamotten waschen, genehmigen wir uns dort Hamburger, Bier und Cider – die Campingküche hat zu. Genauso übrigens wie der Supermarkt, der in der Nachsaison früher schließt.Wir machen eine Abendwanderung durch das Dünengebiet Ulla Hau daraus, sehr still.

Der morgendliche Einkauf verzögert unseren Aufbruch. Unbedingt wollen wir das Farö-Museum und Igmar Bergmann-Center besuchen. Das Farö-Museum ist eher klein mit relativ wenig Exponaten. Die Erläuterungen zu Geschichte und Gegenwart sind gleichwohl ansprechend aufbereitet. Der bekannte Regisseur Igmar Bergmann wollte 1960 den Film „Wie in einem Spiegel“ ursprünglich wegen der Umgebung auf den Orkney-Inseln drehen, doch das war ein Budget-Problem. In Farö fand Er eine gute Alternative und freundete sich so mit der Insel an, daß Er 1965 seinen Hauptwohnsitz dorthin verlegte und auch spätere Filme dort gedreht hat. Sein Werk ist eher ernsthafter Natur. Unsere verspätete Weiterfahrt wird zusätzlich vom Gegenwind gebremst, womit das ursprüngliche Tagesziel unerreichbar wird und wir auf Bungeör übernachten. Der Steinuntergrund dort ist zwar schlecht für den Zeltboden, aber ansonsten ist es ein schöner Fleck.Eine Abendwanderung zum Leuchtturm und mit gelblichem Mondaufgang rundet den Tag ab.

Heute peilen wir als Tagesziel Slite an, wegen seiner Betonfabrik von etwas sprödem Charme. Dazu paddeln wir südwestlich an der flachen Insel Skenholmen vorbei, um am südende von Furillen Pause zu machen. Die Weiterfahrt geht über Grauten (mit dem roten Leuchtturm) nach St. Olofsholm, wo wir uns die alte Windmühle anschauen. Es ist eine der wenigen, die noch ihre Flügel haben. An der Festungsinsel Enholmen vorbei, erreichen wir den Campingplatz, der nur noch Anhängsel einer großen Ferienhüttensiedlung ist. Die geringe Frequentierung in der Nachsaison ließ sich offensichtlich durch Fahrradverleih und Bike-Park mit verschiedenen Parcours nicht beleben. Außer uns stehen 2 Zelte und 2 Mietzelte werden benutzt.

Der Gegenwind nervt allmählich. Die gekürzte Etappe nach Aminne ist der Kompromiß, einer der schönsten Badestrände Gotlands (den wir auch dazu nutzen) die Belohnung. Doch zuvor gönnen wir uns Kaffee und Kuchen und besuchen die Schiffssteinsetzung „Tjälvars Grab“, wo der Sage nach der erste Gotländer begraben liegt.

Frühzeitig beginnen wir den folgenden Tag, an dem in der Mittagspause das Grabfeld von Trullhalsar besichtigt wird. Danach fahren wir zielstrebig auf den östlichen Landvorsprung zu. Den Fischräuchereibesuch haben wir auf Grund zwei voneinander unabhängiger Hinweise von Katthammarsvik auf Sysneumgeplant. Zunächst Übernachtung auf Schafswiese nördlich Herrvik.

Den Morgen beginnen wir mit einer Wanderung auf das Plateau Grogarnshuvud, wo mal eine Fluchtburg war. Beeindruckende Gesteinserosion ist zu sehen. Doch dann geht´s zum Fisch, den wir uns gegen den Wind erarbeiten. Der Tipp war wirklich gut, meine Flunder schmeckt vorzüglich, Biggi ist mit Ihrer Makrele ebenso gut zufrieden. Eigentlich wäre uns nach Mittagsschlaf, doch wollen wir den Campingplatz Ljugarn erreichen, Einkaufen und die nördlich gelegene Raukomrade besichtigen. Gesagt, getan – wenn auch wieder mal alles kurz vor Torschluss.

Von Ljugarn aus schnippeln wir erstmal mit südkurs die Bucht von Lausvik ab. Die Inseln linker Hand sind flach und unbewohnt, bis zum Leuchtturm När ist die Küste recht einsam. Diesen, warscheinlich schönsten Leuchtturm Gotlands, schauen wir uns mit einer kleinen Wanderung über die Halbinsel genauer an. Besteigen kann man Ihn aber nicht, das Gelände ist nicht öffentlich. Am Horizont wird ein großes Gebäude erkennbar, welches sich als Silo erweist und Ronehamn markiert, wo wir noch hin wollen. Die Küste wirkt in diesem Bereich eintönig auf mich, Gegenwind bläst, es zieht sich… .Im kleinen Hafen nördlich des Silos landen wir an. Bei einer alten Fischerhüttensiedlung bleiben wir über Nacht.

Der folgende Fahrtentag bietet keine Attraktionen, nur Strecke machen. Vor Faludden frischt der Wind auf, jeder Kilometer muß erarbeitet werden. Kurze Pause an einer Kuhweide, die Motivation ist ziemlich runter. Doch hier bleiben können wir nicht, also zumindest noch um die Halbinsel mit den militärischen Einrichtungen die an eine Raketenbasis erinnern herum und hoffentlich einen windgeschützten Platz finden. Auf der Wiese hinter dem Strand, wo wir schließlich aussteigen, beendet gerade eine Gruppe ihr Picknick. Am Waldrand findet sich das ersehnte Plätzchen. Eine große umgelegte Kabeltrommel dient als Tisch, der Mauerrest nebendran gibt Windschutz. Mit unserer letzten Flasche Wein wird der Abend ganz nett.

Da die Windprognose weiter ungünstig ist, erinnere ich mich des im Reiseführer beschriebenen Pensionates Holmhällar, 10km weiter. Schon vor 9 Uhr sitzen wir im Boot um gegen Mittag in der Bucht nördlich der kleinen Insel Heligholmen bei etwas Brandung zwischen den Findlingen anzulanden. Das gelingt immerhin ohne die Boote zu schrotten, doch an dieser Stelle hat sich das meiste verfaulte Seegras angesammelt, in dem man gut knietief einsinkt – lecker! Das Pensionat finden wir versteckt auf dem Hügel im Wald – sozusagen Liebe auf den ersten Blick. Nicht zu teuer, kein Zelt aufbauen und gutes Essen am „Kiosk“ – fast schon dekadent. Nachmittags wird ausnahmsweise noch das Raukar-Gebiet in der Nähe besichtigt (mal bei Tageslicht), abends Postkarten schreiben.

Heute also passieren wir den südlichsten Punkt Gotlands. Das Wetter hat sich beruhigt, noch etwas Altdünung. Es fasziniert mich immer wieder, wie unterschiedlich Seekajakfahren sein kann. Mit viel Abstand umrunden wir die Landzungen, um die Vogelschwärme und Seehunde nicht aufzuscheuchen. Hoburgen, eigentlich als Attraktion gehandelt, finden wir irgendwie enttäuschend. Ein plattgetrampelter Aussichtspunkt, von dem aus die aktuelle Trockenheit in der Umgebung erschreckend deutlich erkennbar wird. Die abendliche Zeltplatzsuche führt uns nach Grumpvik, was offensichtlich die Badestelle des 2,5km entfernten Vamlingbo ist. Schöner Sonnenuntergang.

Vamlingbo wollen wir wegen seiner Kirche und dem Naturum besichtigen. Nach der fälligen Runde schwimmen im 21°C warmen Wasser, also erstmal ein Fußmarsch. In der Kirche finden wir ansprechende Wandmalereien, eine zeigt die „Seelenwägung“ des Kaisers Heinrich des II. . Nach soviel Seele gönnen wir unserem Leib etwas – im Cafe des Museums Lars Jonsson mit schönen Vogelbildern gibt es stilvoll und lecker Kaffee und Kuchen. Der anschließende Besuch im Naturum ist einfach informativ. Zwei stunden Paddeln gehören außerdem zum Tag, um Burgsvik zu erreichen. Am Campingplatz ist die Rezeption seit gestern nicht mehr besetzt. Behindertentoillette und Küche sind für das halbe Dutzend verbliebener Gäste noch offen. Nach tel. Absprache bauen wir das Zelt auf und werfen 100Kr. In den Briefkasten. Mit 2 jungen Frauen aus der Schweiz, die sich auf einer ausgedehnten Fahrradtour durch Skandinavien befinden sitzen wir abends noch zusammen.

Vorbei an Näsudden, wo der größte Windmotorenpark Gotlands steht, paddeln wir zwischen Leuchtturm Näsrevet und Insel Storgrunn übers Flach, um dann mit Nordkurs bis Kvarnakkershamn zu gelangen. Dort am Badeplatz finden wir den, bis dahin schlechtesten, aber immer noch passablen Zeltplatz am Rande eines Kiefernwaldes. Das dritte oder vierte mal Nudeln mit Zuchini. Für den Sonnenuntergang am Strand wären Jacken gut gewesen – wegen der Mücken, nicht wegen Kälte. Am Horizont StoraKarlsö, das nächste Ziel in purpurnen Farben.

Zeitiger Start wieder mal, um möglichst viel von der Insel zu haben. Evtl. dortige Übernachtung muß vor Ort geklärt werden. Ruhiges Wetter beschert uns eine entspannte und zügige Fahrt. Die Annäherung an diese etwa 50m hohe Insel hat was.Tatsächlich können wir in einer Hüttenhälfte über Nacht bleiben, der exclusive Preis verschlingt aus organisatorischen Gründen unsere letzten Bargeldreserven. Wir gönnen uns erstmal ein Mittagessen im Restaurant, um dann etwas Ausrüstungspflege zu betreiben. Die Wanderung über die zugängliche Inselhälfte dehnt sich mit Leuchtturmbesichtigung usw. Die Vogelfelsen sind leer, Lummen und Tordalke die zu tausenden hier brüten, sind bereits weiter gezogen. Abends nutzen wir die Süßwasserdusche in der nächsten Bucht.

Nach dem Frühstück besichtigen wir das Inselmuseum, welches anschauliche Erklärungen bietet.Da es „ auf dem Weg“ liegt, habe ich Lilla Karlsö mit eingeplant. Der Trockenanzug bleibt im Stauraum, was sich unklug erweist. Der Wind brist weiter auf, das Wasser wird kabbelig. Am Fähranleger von Lilla Karlsö steigen wir aus. Die Wanderung führt uns über das Hochplateau zu dem Raukgebiet auf der anderen Seite und zurück. Da uns der Campingplatz Sandhamn nicht besonders gefällt, geht´s nordwärs weiter an Klintehamn vorbei bis nach Kovik. Der Campingplatz hat allenfalls WoMo- Plätze, nichts für uns. Da nichts los ist, stellen wir uns hinter dem Strand auf die Wiese. Gewitter zieht auf, mit Blitzen und Wetterleuchten. Dennoch bekommen wir unser Abendessen noch ohne Regen draußen gekocht.

Da ich wieder mal früh wach bin, erkunde ich die Busfahrzeiten nach Visby. Die letzte Etappe nach Tofta Södra beginnt zeitig – der Bus um halb Zwölf soll das Ende unserer Paddeltour einleiten. Nun ist auch irgendwie die Luft raus, 18 Tagen Paddeln, Zelt ab,- und aufbauen, jedesmal woanders schlafen.

Wiederholen würden wir diese Tour so nicht, doch wir sind zufrieden, sie gemacht zu haben. Vieles haben wir gesehen, genauso viel nicht. Gotland wäre einen weiteren Besuch wert, jedoch in einer anderen Organisationsform. Es macht mich glücklich und dankbar, daß wir solche Fahrten noch hinbekommen. Beliebig übertragbar ist das nicht, da die Bedingungen insgesamt gut waren.